Esoterikkritik


 

Logopädie und Esoterik      

Das Berufsfeld der Logopädie wird zunehmend von esoterischen Denkmodellen und Praktiken unterwandert. Selbst an logopädischen Schulen und Fortbildungseinrichtungen werden ungeniert pseudodiagnostische und pseudoklinische Verfahren aus der Esoterikecke gelehrt; der gänzlich unbrauchbare Ansatz der sogenannten Kinesiologie bzw. Kinestetik beispielsweise hat insofern weiteste Verbreitung und Akzeptanz gefunden.

Nachfolgend finden Sie einen kritischen Beitrag zur Kinesiologie sowie weitere esoterikkritische Artikel von Claudia Goldner (zu Feng-Shui, Bach-Blütentherapie, Lüscher-Test, Graphologie, Waldorf-Pädagogik, Reinkarnationstherapie und der sogenannten Reverse-Speech-Therapy [die Textreihe wird fortlaufend erweitert]).

Texte zu Jirina Prekops "Festhaltetherapie" sowie Bert Hellingers "Familienaufstellungen" finden sich auf gesonderten Seiten; desgleichen ein längeres Vortragstranskript zur Waldorf-Pädagogik. 


Claudia Goldner

Erdknöpfe und Denkmützen: Dubiose Angebote auf dem Nachhilfe- und Lernförderungsmarkt

Immer mehr Schülerinnen und Schüler fallen dem stetig steigenden Druck in der Schule zum Opfer. Schon in den unteren Klassen leiden Kinder unter teils massiven Streßsymptomen, sie halten der permanenten Leistungsanforderung, die an sie gestellt wird, auch der ständigen Disziplinierungs- und Verhaltensdressur, der sie ausgesetzt sind, nicht stand und werden ´auffällig´. Nervosität, Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsschwächen sind dabei die geringsten der auftretenden Probleme, viele Kinder, oftmals die Sensibelsten, entwickeln teils schwere neurotische Störungen und/oder psychosomatische Erkrankungen.

Was tun? Eingespannt in die Vorgaben eines zu erfüllenden Lehrplanes und in gesellschaftliche Zwänge, aus denen diese sich in ´logischer´ Folgerichtigkeit herleiten, sind Lehrer und Eltern gleichermaßen rat- wie hilflos. Dies umso mehr, je deutlicher ihnen - simple Dialektik - das Problem als strukturbedingtes Dilemma klar wird: Jede Gesellschaft hat das ihr gemäße Schulsystem, über das die in ihr herrschende Doktrin - Stichwort: Rosa Luxemburg (´Die herrschende Doktrin ist immer die Doktrin der Herrschenden´) - fest- und fortgeschrieben wird.

Eine Heerschar an pädagogischen und therapeutischen (Laien-)Helfern dient sich an dieser Stelle an, aus dem Leistungs- und Auslesesystem der Schule herauszufallen drohende oder herausgefallene Schüler so sonderzubehandeln, daß sie den an sie gestellten Anforderungen (wieder) entsprechen: Der private Nachhilfe- und Lernförderungsmarkt boomt wie nie (die Umsätze allein im deutschsprachigen Raum liegen bei über einer Milliarde €URO pro Jahr).[1]

Zu den weitestvereiteten Verfahren auf diesem Markt zählt die sogenannte ´Angewandte Kinesiologie´, genauer: deren als ´Edu-Kinestetik´ bekannter pädagogischer Zweig. Entwickelt in den 1970er Jahren von dem Amerikaner Paul Dennisen besteht das Verfahren - der Kunstbegriff ist zusammengesetzt aus educatio: lat.= Erziehung, kínesis: griech.= Bewegung und aísthesis: griech.= Wahrnehmung - aus einem Set simpler Gymnastikübungen, beispielsweise: ´Schwingen mit dem Oberkörper´, oder ´Mit den Armen eine liegende 8 in die Luft malen´. Zweck dieser Übungen sei ein Ausbalancieren des sogenannten ´Schwerkraft-Antischwerkraft-Energieflusses´ und damit eine ´Verbindung der beiden Gehirnhälften´,[2] was unverzügliche Hilfe bringe bei ´emotionaler Belastung, Streß, körperlichen Auffälligkeiten, Lernstörungen, Konzentrationsschwächen und Lebenskrisen´.[3]

Was mit besagtem ´Energiefluß´ gemeint ist, erschließt sich aus Dennisons Bestseller ´Befreite Bahnen´ nur vage: In Anlehnung an die Meridianlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist wortreich die Rede von der ´Auflösung energetischer Blockaden´ oder der ´Wiederherstellung eines harmonischen Gleichgewichtes´. Über die Gymnastikübungen hinaus findet sich insofern eine Art Akupressurmassage (´Touch for Health´) im kinesiologischen Verfahrenssortiment, mit der auf irgendwelchen ´Akupunkturpunkten´ der zu behandelnden Kinder herumgedrückt wird. Für jede Störung gibt es eigene ´Meridianpunkte´ (´Buttons´/´Knöpfe´). Werden die Kinder angewiesen, selbst an sich herumzudrücken oder herumzuziehen, firmiert das Ganze unter dem Begriff ´Brain-Gym´. Mit Übungen der folgenden Art sollen ´Lernblockaden´ und gar ´legasthenische Störungen´ abgebaut werden: ´Mit je 2 Fingern den Rand des Schambeins und mit weiteren 2 Fingern die Unterlippe für 30 sec. halten. Dies hilft, besser geerdet zu sein, hält den Körper entspannt und den Geist wach. Es ermöglicht, nach unten zu sehen, ohne daß die Augenenergien abschalten (´Erdnöpfe´, Zentralmeridian); Mit 2 Fingern das Steißbein und mit 2 weiteren Fingern die Oberlippe für 30 sec. halten. Dies verhilft zu einer besseren Raumorientierung und hält dich offen für Informationen von außen (´Raumknöpfe´, Gouverneursmeridian); Dehne und ziehe die Ohren sanft von innen nach außen und von oben nach unten. So kannst Du besser zuhören (´Denkmütze´).[4]

Das Bayerische Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung, ausnahmsweise einmal Vorreiter in Sachen Esoterikkritik, hat Ende 1997 in einer eigenen Aufklärungsbroschüre Kinesiologie bzw. Edu-Kinestetik (alias: ´Educational Kinesiology´) als ´derartige Versimplifizierung und Verfälschung der Vorgänge des zentralen Nervensystems´ bezeichnet, daß die ´Aufnahme so erklärter diagnostischer und therapeutischer Techniken zum Umgang mit Kindern in hohem Maß beunruhigen muß´. Es handle sich um gänzlich unseriöse Praktiken, die unter dem Deckmantel einer ´praktischen Pädagogik´ unbrauchbares esoterisches Gedankengut verbreiteten. Höchst ´befremdend´ sei es, wie damit ´bei Betroffenen nicht erfüllbare Hoffnungen´ geweckt würden.[5] Der Deutsche Bundesverband Legasthenie wies in einem eigenen Rundschreiben darauf hin, daß die von Dennison und seinen Anhängern behauptete Wirksamkeit kinesiologischer Übungen bis heute ohne jeglichen ernstzunehmenden Nachweis geblieben sei. Die Gemeinde gläubiger Edu-Kinesteten erinnere im übrigen an eine ´sektenähnliche Vereinigung´,[6] eine Einschätzung, die der Schulpsychologe Hermann Meidinger ausdrücklich bestätigt: ´Werden Sekten auch an dem Ausmaß gemessen, mit dem sie ihre Anhänger verführen, so können die Versprechen, mit denen Kinesiologen ihre Jünger ´fangen´, durchaus nahelegen, die Kinesiologie zu diesen Gruppierungen zu zählen´.[7] Weniger umständlich Seminarrektor Wolfgang Hund vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband: ´Edu-Kinestetik ist schlicht ein faules Ei´.[8] Insbesondere das Herumgedrücke oder -geziehe an irgendwelchen Akupunkturpunkten ist absurd: zum einen widerspricht es in seiner simplen Mechanik (zur Behebung eines Problems sei nur ein bestimmter Knopf zu drücken) dem vorgeblich ´ganzheitlichen´ Selbstverständnis der Kinesiologie, zum anderen sind die Meridianbahnen und Akupunkturpunkte der Traditionellen Chinesischen Medizin, auf die ´Touch for Health´ und ´Brain Gym´ abstellen, bestenfalls als Metaphern zu verstehen: tatsächlich existieren diese Bahnen und Punkte nicht.[9]

Ungeachtet der vorgetragenen Kritik - der Berufsverband Deutscher PsychologeInnen (BDP) etwa warnt Eltern und Schulen, Kinesiologie sei nicht nur unnütz und teuer, sondern auch schädlich, wenn damit wertvolle Zeit für wirkliche Hilfe vertan werde[10] - finden kinesiologische bzw. edu-kinestetische Praktiken zunehmende Verbreitung. Zahllose, pädagogisch in der Regel durch nichts qualifizierte ´Lernberater´ oder ´Lerntherapeuten´ bieten - in privater Ordination - ihre Dienstleistungen an. Vielerorts findet Kinesiologie allerdings auch, mit oder ohne Wissen und/oder Einwilligung der Eltern, im ganz regulären Schulalltag statt: in mehr oder weniger kaschierter Form ist Edu-Kinestetik bis heute Teil der Ausbildung an pädagogischen Hochschulen, in Lehrerfortbildungsseminaren stehen allenthalben ´Brain-Gym´-Übungen auf dem Programm.[11] Vor allem im Bereich der Heil- und Sonderpädagogik greift Kinesiologie - neben einer ganzen Reihe weiterer unhaltbarer Verfahren wie Audio-Psycho-Phonologie, NLP, Qi-Gong und dergleichen[12] - rapide um sich. Es vollziehe sich, wie der österreichische Szenekritiker Heinz Zangerle anmerkt, ein von wirtschaftlichen Interessen angekurbeltes ´roll-back´ zu alten, wissenschaftlich längst überwunden geglaubten´ Konzepten: Unter Rückgriff auf angestaubte Theorien aus den 1950er Jahren würden nahezu alle kindlichen Störungen mit ´mangelndem Zusammenspiel der beiden Hirnhälften´ oder einer ´Blockade des Energieflusses´ erklärt; insofern werde bei der Diagnose wie auch bei der Behandlung ´unter Verzicht auf eine Anamnese vorschnell allein am Kind als dem Symptomträger´ angesetzt. Der werbewirksam eingesetzte Begriff der ´Ganzheitlichkeit´ sei auch vor diesem Hintergrund ´glatter Etikettenschwindel´.[13]

Erwartungsgemäß sind auch die Münchner Paracelsus-Schulen für Naturheilverfahren - mit über sechzig Dependancen im gesamten deutschsprachigen Raum die mit Abstand größte Ausbildungseinrichtung für alternative Heilpraktiken - in den profitablen Lernhilfemarkt eingestiegen: seit Anfang 2001 steht eine ´Ausbildung zum/zur Lernberater/in und Lerntherapeut/in´ im Angebot, die, basierend wesentlich auf Kinesiologie, den ´praktischen Umgagn [sic!] mit folgenden Problembereichen´ vermitteln will: ´Teilleitsungsstörungen [sic!] - Konzentrationsschwäche (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS) - Handschriftenproblematik - Legasthenie und Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) - Dyskalkulie (Zahlen- und Rechenschwäche) - Hyperkenetisches Syndrom [sic!]´.[14] Neben den kinesiologischen Übungen wird vor allem mit Knete gearbeitet, dazu gibt es laut Ausschreibung ´homöopathische und Bachblüten-Anwendungen´ (d.h., die Kinder werden mit therapeutisch gänzlich wirkungslosen Zuckerkügelchen und Wasser-/Alkohol-Tropfen ´behandelt´, die ihnen vielleicht nicht unmittelbar schaden, die indes eine seriöse Anamnese sowie die Entwicklung eines seriösen Behandlungskonzeptes zumindest verzögern; vielfach werden Eltern über kinesiologische bzw. edu-kinestetische Praktiken in ein magisch-esoterisches Weltbild hineingezogen, das sie für ihr Kind nur noch in entsprechenden Nischen - von Astrologen und Karmadiagnose hin zu Reiki, Silva-Mind-Control oder Tibetan Pulsing - nach Hilfe suchen läßt.[15] Viele Kinder werden einer Unzahl alternativheilerischer ´Behandlungen´ unterzogen, teils über Jahre hinweg, bis die erste richtige Diagnose erstellt wird.) Die Paracesus-´Ausbildung´, zugängig für Laien ohne die geringste pädagogische oder psychologische Vorbildung, umfaßt sechzehn Wochenenden und kostet knapp 5.000 €URO.

Zum Belege der Wirksamkeit edu-kinestetischen Vorgehens wird von Dennison und seinen Mitstreitern stets der sogenannte ´Muskeltest´ angeführt. Dieser Test, entwickelt in den 1960er Jahren von dem amerikanischen Chiropraktiker George Goodheart, stellt die zentrale (und einzig ´originelle´) Technik der ´Angewandten Kinesiologie´ dar: mit diesem Test steht und fällt das kinesiologische Selbstverständnis. Der Therapeut fordert den Klienten - in edu-kinestetischem Kontext: das zu behandelnde Kind - auf, einen Arm im rechten Winkel zur Seite zu halten; anschließend legt er seine Hand auf das Handgelenk des Klienten und versucht, den Arm geen dessen Widerstand nach unten zu drücken. Normalerweise kann solchem Druck ohne weiteres standgehalten werden, der Arm bleibt im Schultergelenk ´eingerastet´. Halte der Klient nun in der anderen Hand eine ´schädliche Substanz´ - ein giftiges Nahrungsmittel (z.B. Zucker) oder ein ungeeignets Medikament -, so lasse sich der Testarm leicht nach unten drücken. Der ´Stressor´ blockiere die durch den Körper fließende Energie, sämtliche Muskeln -der Test wird nur aus Gründen der Praktikabilität am Oberarm durchgeführt - würden schlagartig geschwächt. Krankheiten jedweder Art könnten auf diese Weise ´blitzschnell´ diagnostiziert werden: der Klient legt seine Hand auf einen möglichen Problembereich seines Körpers und läßt den Armtest an sich vornehmen; bei tatsächlicher Störung erweise sich der Muskel sofort als ´schwach´. Allein der Gedanke an ein möglicherweise erkranktes Organ schwäche den Testmuskel, sofern diese in der Tat erkrankt sei. Der Therapeut befrägt hierzu den Klienten detailliert nach seinem körperlichen Gesundheitszustand und führt zugleich den Muskeltest durch: ein geschwächter Muskel signalisiere allemal ein Problem in dem fraglichen Bereich, denn: ´Der Körper lügt nie´.[16] Selbstverständlich könnten auch seelische Befindlichkeitsstörungen auf diese Weise diagnostiziert werden: so erlaube etwa die Aufforderung, an den Ehepartner zu denken, über einen gleichzeitig durchgeführten Muskeltest eine exakte und objektive Aussage über den Zustand der Beziehung, unabhängig davon, wie der Kinesiologe jeder störende oder schädigende Einfluß - meßbar durch den Muskeltest -, ungeachtet der Frage, ob der Betroffene ihn überhaupt realisiert und/oder tatsächlich als solchen empfindet.

Der Muskeltest - über einen Bestseller des australischen Goodheart-Schülers John Diamond Anfang der 1980er zu weltweiter Popularität geführt (und seither auch als ´Diamond-Methode´ bekannt) - wird von zahllosen Heilpraktikern und Alternativmedizinern zur Diagnose sowie zur Indikationsstellung bestimmter Medikamente und Heilverfahren eingesetzt. ´Kinesiologie´, so ein einschlägiger Werbetext, ´heißt nicht zu raten, zu vermuten, aus Erfahrung zu empfehlen, sondern sich über den Muskeltest Gewißheit zu verschaffen. Dieses Höchstmaß an Objektivität gibt Sicherheit, daß das, was man tut, wirklich auf den Betreffenden abgestimmt ist und zum Erfolg führt´.[17] Zur Findung eines geeigneten (vorzugsweise homöopathischen) Medikaments, eines Bach-Blütenmittels, eines Heil-Edelsteins und dergleichen, nimmt der Klient ein Fläschchen beziehungsweise einen Stein nach dem anderen in die Hand und läßt den Muskeltest an sich ausführen: das Mittel, bei dem der Arm in der Schulter ´einrastet´ bleibe, erweise sich ebendadurch als geeignet.

In edu-kinestetischem Kontext wird der Muskeltest sowohl zur ´Diagnose´ der zu behebenden ´Energieblockaden´ als auch zur ´Validierung´ der eingesetzten ´Touch for Health´- oder ´Brain-Gym´-Techniken verwandt. Tatsächlich erschließt sich aus dem ´Muskeltest´ überhaupt nichts. Die renommierte Stiftung Warentest rät von kinesiologischen Methoden, gleich welcher Form, entschieden ab: ´Diagnostik mit Kinesiologie bringt das Risiko mit sich, daß Gesunde für krank und Kranke für gesund erklärt werden, daß unnötige Medikamente eingenommen, aber notwendige und wirksame Behandlungen versäumt werden´. Es gibt keinerlei Nachweis für die angebliche Aussagekraft des Muskeltests: dessen Ergebnisse, wie unabhängige Studien zeigten, sind in erster Linie abhängig von der suggestiven Einwirkung des Therapeuten auf den Klienten.[18]

Die ´Touch-for-Health´-Techniken ebenso wie die ´Brain-Gym´-Übungen haben über einen allemal möglichen unspezifischen Entspannungseffekt hinaus keinerlei nachweisbare Wirkung. Das szeneübliche Vorgehen, die ´Effizienz´ alternativtherapeutischer Verfahren oder Heilmittel über kinesiologische Vorher-/Nachher-Muskeltests zu ´belegen´, ist reine Augenwischerei (und ebenso unbrauchbar wie all die sonstigen - meist zirkelschlüssig aufeinander verweisenden - ´Belege´ via Kirlianphotographie, Radiästhesie, Elektroakupunkturelle Hautwiderstandsmessungen etc.).[19]

Zum kinesiologischen Verfahrenssortiment zählen überdies die sogenannten ´Three-In-One-Concepts´ (entwickelt von den Kaliforniern Gordon Stokes und Daniel Whiteside): ein- bis viertägige Workshops, in dene zu bestimmten Schwerpunktthemen jeweils Sammelsurien teils groteskester Vorstellungen nebst dazugehörigen Übungen präsentiert werden: ´Advanced One Brain´ führt in Bach-Blüten, Chakren- und Edelsteinarbeit ein und ´Structural Neurology´ soll zur ´Arbeit mit Phobien, Suchtverhalten, Zwangsvorstellungen und Formen der Schmerzarbeit´ befähigen. Weit über hundert derartige Themen-Workshops finden sich im Angebot der Kinesiologen, darunter ´Childhood, Sexuality and ´Aging´ oder auch ´Taking Care of Business´. Die Kosten eines Vier-Tage-Kurses liegen bei knapp 350 €URO (zuzüglich Scriptgebühren).[20] Tatsache ist: Die ´Three-In-One´-Kurse sind zur Vermittlung pädagogischer oder therapeutischer Kompetenz gänzlich ungeeignet; sie befähigen und/oder befugen in Hinblick auf seriöse Arbeit mit anderen Menschen zu gar nichts.

Eine ´Ausbildung´ zum Kinesiologie-Lehrer (´Certified Instructor of the International Kinesiology College´) dauert zwölf Tage und kostet rund 1.250 €URO. Sehr viel einfacher und billiger geht´s über einen zweiteiligen Video-´Intensivkurs´ um 450 €URO, nach dessen Absolvieren man völlig legal eine Praxis als ´Kinesiologischer Lernberater´ aufmachen kann.

Anmerkungen

[1] Vgl. AG Autismus/Alternativ-Therapien (kritisches Infopapier zu Edu-Kinestetik) Biberach, 10/1995
[2] Vgl. Dennison, P.: Befreite Bahnen. Freiburg, 1994 (10.Aufl.), 83f.
[3] Praxis für Pädagogik und Kinesiologie, München (Werbeannonce) in: BISSS, 3/2000
[4] Institut für Angewandte Kinesiologie (Merkblatt für Schüler). Freiburg, o.J. zit.in: AG Autismus/Alternativtherapien a.a.O.
[5] Walbiner, W.: Edukinesiologie: Ein neuer Heilsweg in der Pädagogik? (Arbeitsbericht Nr.290 des Staatsinstituts für Schulpädagogik und Bildungsforschung) München, 1997, 56f. [Der Bericht ist erhältlich über: Staatsinstitut für Schulpädagogik, Arabellastr. 1, 81925 München]
[6] Vgl. LRS: Zeitschrift des Bundesverbandes Legasthenie, 2/1996
[7] Meidinger, H.: Kinesiologie: eine neue Therapieform in der Schule? in: Bayerische Schule, 9/1996, 321f.
[8] Hund, W.: Ein merkwürdiges Ei im pädagogischen Nest: Edu-Kinestetik. in: Bayerische Schule 1/1997, 156f.
[9] Vgl. Unschuld, P.: Die chinesische Medizin im China der Neuzeit und Gegenwart. in: ders.: Chinesische Medizin. München, 1997, 37f.
[10] Vgl. Zangerle, H.: Mythos Legasthenie: Ein kindliches Lernproblem am esoterischen Supermarkt. in: Intra, 41, Herbst 1999, 37f.
[11] Vgl. Goldmann, A.: Forscher gegen Esoterik auf der Schulbank. in: Süddeutsche Zeitung vom 27.10.1997
[12] Vgl. Goldner, C.: Die Psychoszene. Aschaffenburg, 2000 (2. Aufl.)
[13] Zangerle a.a.O., 34
[14] Ausschreibungsunterlagen der Paracelsus-Schulen für Naturheilverfahren. München, 2/2001 (Schreibfehler im Original)
[15] Vgl. Goldner a.a.O.
[16] Vgl. Diamond, J.: Your Body Doesn´t Lie: Behavioral Kinesiology. New York, 1980
[17] Münchner Institut für Angewandte Kinesiologie MIAK (Programm) 1991/92, 5
[18] Stiftung Warentest (Hrsg.): Die Andere Medizin. Berlin, 1991, 265
[19] Münchner Institut für Angewandte Kinesiologie a.a.O., 27f.
 

aus: Ribolits, E./Zuber, J. (Hrsg.): Karma und Aura statt Tafel und Kreide: Der Vormarsch der Esoterik im Bildungsbereich. Schulheft-Verlag, Wien, 103/2001

 


Claudia Goldner

Feng-Shui

Die chinesische Lehre des Feng-Shui (sprich: Fong-Schü-eh) läßt sich als fernöstliches Pendant zur europäischen Tradition des Wünschelrutengehens verstehen. Angeblich von taoistischen Weisen vor rund 2000 Jahren aus noch sehr viel älteren Quellen zusammengafasst, gründet Feng-Shui in der Vorstellung, dem Mensch müsse, um gesund und glücklich zu sein, sich und sein Lebensumfeld in Einklang bringen mit der alldurchdringenden Vitalkraft des Kosmos. Der freie Fluss dieser Vitalkraft, Ki genannt und fortwährend sich zeugend aus den polaren Kräften Yin (´weiblich´) und Yang (´männlich´), könne durch Beachtung der ´kosmischen Gesetze´ angeregt bzw. durch deren Mißachtung gehemmt werden, wodurch sich ´gutes´ respektives ´schlechtes´ Feng-Shui mit entsprechendem Gesundheits- oder eben Krankheitsbefinden des einzelnen einstelle. In ganz Süd- und Südostasien gilt die Beachtung der Feng-Shui-Tradition - in regionalen Varianten und Widersprüchen - bis heute als Selbstverständlichkeit.

In westlichen Esoterikkreisen dient die Lehre des Feng-Shui in erster Linie ´kosmischer´ Wohnraumgestaltung. Möbel werden so aufgestellt, daß sie gutes Feng-Shui erzeugen: Schreibtische etwa müssen nach Norden zeigen, Betten nach Osten (Kinderbetten allerdings nach Westen). Als wichtigstes Instrument gilt ein eigener geomantischer ´Kompass´, Lo-P´an genannt, über den die vier Himmelsrichtungen abgeglichen werden mit den fünf Elementen (Feuer, Wasser, Luft, Erde und Holz), der Sonnenekliptik, der Bahn des Mondes sowie den astrologischen Daten der Hausbewohner; aus dem Ergebnis der Lo-p´an-Berechnungen werden Maßgaben für erforderliche Umbauten bzw. die Applikation energieausgleichender Hilfsmittel hergeleitet: hierzu gehören vor allem Spiegel, die, plaziert an strategisch entscheidenden Stellen, schlechtes Feng-Shui zu vermeiden hülfen, daneben Beleuchtungskörper, Pflanzen, Windspiele und vielerlei Accessoires mehr. Besonders ratsam sei ein Aquarium - im Eingang fast jedes China-Restaurants zu finden -, das schlechte Feng-Shui-Energie vertreibe (notfalls reiche allerdings auch ein Bild, auf dem ein Gewässer zu sehen sei). Grundsätzlich gelte es, Yin-Plätze (z.B. eine dunkle Ecke) mit Yang-Gegenständen (z.B. einer hellen Lampe) und umgekehrt zu ´harmonisieren´. Besonders wichtig sei es, die Toilettentür gut zu verstecken, ansonsten verschwinde der Wohlstand des Hauses gleichsam durch die Kanalisiation.

Inzwischen hat sich eine eigene Szene an ´Feng-Shui-Beratern´ etabliert, die ihre Dienste zur Überprüfung beziehungsweise Um- oder Neugestaltung des Lebensumfeldes oder des Arbeitsplatzes anbieten. Abgerechnet wird üblicherweise nach Quadratmetern des untersuchten Raumes, die Kosten variieren zwischen 15 und 60 €uro pro Quadratmeter. Eine Ausbildung zum diplomierten Feng-Shui-Berater gibt es im Wochenendkurs ab 170 €uro.


aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2001/02. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main



Claudia Goldner

Bach-Blütentherapie: Apotheke Gottes?

Spätestens seit TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers (RTL) ihren ZuschauerInnen in gleich drei Sendungen hintereinander die Bach-Blütentherapie ans Herz legte, sind die angeblich ´wundertätigen Tinkturen´ der Renner schlechthin unter den ´alternativen Heilweisen´. Was ist wirklich dran an diesem ´Heilmittel aus der Apotheke Gottes´?

Entwickelt in den dreißiger Jahren von dem englischen Homöopathen Edward Bach (1886-1936) versteht die nach ihm benannte Therapie sich heute nicht nur als Allheilmittel gegen jedwede körperliche Erkrankung, sondern als ganz besonders ´segensreich bei psychischen und psychosomatischen Störungen´. Bach zufolge gilt es, ´negative Gedanken und Gefühle in Harmonie´ zu bringen, um zu gesunden. Zu solcher Harmonisierung bietet die Bach-Blütentherapie ein Sortiment an Blütenessenzen an - Wasserauszüge aus 38 verschiedenen Pflanzen, Sträuchern und Bäumen -, deren Heilenergie sich auf die PatientInnen übertragen soll. Die Blüten oder Pflanzenteile werden vorschriftsmäßig an einem wolkenlosen Tag morgens vor 9 Uhr gesammelt. Gleichfalls unter Einhaltung ritueller Vorschriften werden sie anschließend für einige Zeit in Wasser gelegt, das derart mit ´feinstofflicher´ Pflanzenenergie angereichert werde. Nachdem die Blüten aus dem Wasser entfernt worden sind, wird dieses mit der gleichen Menge Alkohol versetzt und dann im Verhältnis 1:240 mit Wasser verdünnt.

Die Blütenessenzen sollen tropfenweise eingenommen werden (zwei Tropfen auf ein Glas Wasser), helfen angeblich aber auch, wenn man ein Fläschchen davon bei sich trägt oder neben sich ans Bett stellt. Mittlerweile gibt es auch ´Heilsalben´ zu äußerlicher Anwendung, bei denen Bach-Blüten in eine neutrale Cremegrundlage eingearbeitet sind.

Kritiker halten Bach-Blütentherapie für eine Mischung aus Scharlatanerie, Aberglauben und Geschäftemacherei. Die Blütenessenzen trügen (außer dem Alkohol) keinerlei nachweisbaren Wirkstoff in sich. Chemisch ließe sich nicht der geringste Unterschied zwischen den einzelnen Essenzen feststellen. Auch die Behauptungen von ´feinstofflicher Energieübertragung´ seien gänzlich unbelegt. Es gebe, außer der ´Intuition´ Bachs, keinerlei Erklärung für den angeblichen Zusammenhang zwischen bestimmten Blüten und Charaktereigenschaften bzw. Erkrankungen; auch eine Erklärung für die besondere Zubereitungsweise der Essenzen fehlt völlig. Der Düsseldorfer Allergologe Dr. Marin Schaka wird noch deutlicher: ´Die Therapie ist reiner Betrug. Absolut hirnrissig, an diesen Quatisch zu glauben´. Auch die Berliner Stiftung Warentest rät von Bach-Blütenmitteln ab.

Die renommierte Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) warnt vor der Bach-Blütentherapie, die für PatientInnen gefährlich werden könne, wenn sie im Vertrauen auf ihre Wirksamkeit eine erforderliche und verfügbare wirksame Therpie versäumten. Ansonsten könnten die Bach-Blüten bei gläubiger Erwartungshaltung der PatientInnen eine unspezifische Placebo-Wirkung haben, mehr jedoch nicht.

Ob der Preis von sechs bis zwanzig €uro pro Fläschchen (10 ml) angemessen ist (knapp 200 €uro für das gesamte Sortiment), muß man/frau selbst entscheiden. Die Gewinnspanne bei den Bach-Blütenessenzen, dies sei abschließend erwähnt, liegt bei rund 100.000%(!).


aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 1997/98. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main
  


Claudia Goldner

Lüscher-Test

Der Lüscher-Test, benannt nach seinem Erfinder Max Lüscher (*1923), zählt zu den bekanntesten aller Psychotestverfahren. Die Testperson stellt aus dreiundsiebzig Kärtchen mit verschiedenen Farbmustern - in einer Kurzform des Tests sind es nur acht Farben - eine Reihenfolge ihrer ´Lieblingsfarben´ her; die Reihung wird zweimal durchgeführt. Aus der Folge der gewählten Farben wird anhand eines umfänglichen Auswertungs- und Deutungskatalogs auf die Persönlichkeit gefolgert. So sei der ´Blautyp´ mithin von dem Wunsch nach Betäubung und Vergessen beseelt, der mit exzessiver Sexualität, Alkoholismus oder Schlafmittelmißbrauch, bei Frauen auch mit ´Flucht ins Kinderkriegen´, in Zusammenhang stehe. ´Wer Violett bevorzugt, möchte eine magische Beziehung eingehen. Er wünscht, bezaubert zu werden, aber er möchte auch selbst einen Zauber und suggestiven Charme ausüben, denn in der magischen Identifikation ist der Subjekt-Objekt-Gegensatz aufgehoben´. Violett werde deutlich bevorzugt von pubertierenden Schulkindern, Iranern, Ostafrikanern, schwangeren Frauen, Homosexuellen und der sozialen Unterschicht. Die Formulierung Lüschers legen nahe, daß er die angebliche Violettpräferenz dieser Gruppe tatsächlich für einen Beweis seines Interpretationsvorschlages hält.

Trotz ausgewiesener Unbrauchbarkeit findet der Lüscher-Test bis heute Verwendung. Vor allem psychologische Laien setzen ihn gerne ein. Der Lüscher-Test berücksichtigt nicht, daß die Farbauswahl durch Tagesbefindlichkeit sowie aktuelle Modetrends beeinflußt wird: das Resultat kann sich von Tag zu Tag ändern. Der Deutungskatalog ist überdies völlig willkürlich. Der Lüscher-Test verfügt über keinerlei ernstzunehmenden Aussagewert, was ihn im übrigen nicht von sonstigen ´Charakter-´ oder ´Begabungstests´, wie etwa Baumtest, Rorschachtest, Thematischer Apperzeptionstest und dergleichen, unterscheidet.


aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2000/01. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main



Claudia Goldner

Graphologie

Die Unverwechselbarkeit der Handschrift regte schon in der Renaissance zur Deutung an. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der Franzose Jean-Hippolyte Michon (1806-1881) erstmalig ein System zum Vergleich von Schriftzügen und Charaktermerkamalen, das von dem deutschen Philosophen Ludwig Klages (1872-1956) zu einer eigenständigen ´Wissenschaft´ ausgebaut wurde. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Schriftdeutung sogar an Universitäten gelehrt und gehörte bis Mitte der 1960er Jahre zum selbstverständlichen Handwerkszeug der akademischen und klinischen Psychologie. Seit allerdings feststeht, daß damit lediglich Zufallstreffer erzielt werden können, hat ihr Einfluß erheblich abgenommen. Aus den Universitäten ist sie seit 1970 verbannt. Für esoterisch angehauchte Lebensberater und Pädagogen indes gilt Graphologie nach wie vor als sicheres Instrument der Diagnostik und Persönlichkeitsbeurteilung.

Gedeutet werden Zeilenführung und Druckstärke der Schrift, Bewegungsschwung, Schleifenbildung, Schriftgröße und anderes mehr. Grundsätzlich seien die oberen Längen hinweisgebend auf das ´Geistige´, das Mittelband der Schrift auf das ´Gemüt´ und die unteren Längen auf das ´Materiell-Triebhafte´. Die näheren Interpretationsvorgaben unterscheiden sich allerdings bei verschiedenen ´Schulen´ ganz erheblich voneinander. Nach Meinung der einen deute eine steile Schrift auf einen aufrechten Charakter hin, Linksneigung der Buchstaben auf Ichbezogenheit, und langgezogene Unterlängen seien Hinweis auf heftige Sexualität, wohingegen eine andere dieselben Merkmale für ein Anzeichen von Vernunft, Spannung und Realvermögen hält; Triebverlangen zeige sich in den Unterlängen nur dann, wenn diese ´unregelmäßig, breit, teigig und verschmiert´ seien. Vor allem aus den i-Punkten und t-Strichen ließen sich ganz entscheidende Schlüsse ziehen: ein hoch gesetzter i-Punkt deute auf Idealismus und Begeisterungsfähigkeit hin, ein tief gesetzter auf Mißtrauen und Schwerfälligkeit; ein vorgesetzter t-Strich auf einen unbeherrschten, unzuverlässigen Charakter, ein rechts ansteigender auf Rechthaberei, ein abfallender gar auf Brutalität. Ein ´Graphologen-Berufsverband e.V.´ bietet eine 10-stündige Ausbildung (per Kassetten-Fernkursus) zu 650 €uro an.

Obwohl die Unsinnigkeit der Schriftdeutung seit langem nachgewiesen ist, lassen immer noch rund zehn Prozent aller Arbeitgeber Bewerbungsschreiben entsprechend begutachten.


aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2001/02. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main
 


Claudia Goldner

Die Welt ist wahr: Zur Pädagogik an Waldorf-Schulen

Waldorf-Pädagogik orientiert sich streng an der ´Entwicklungslehre´ Rudolf Steiners: Die ersten sieben Lebensjahre stehen unter dem Motto ´Die Welt ist gut´. Grundsätzlich wird dem Kind nichts erklärt, Fragen werden ausweichend beantwortet. Hingegen wird großer Wert auf die Farbgestaltung der Kinderzimmer gelegt. Die folgenden sieben Jahre stehen unter dem Motto ´Die Welt ist schön´. Der Unterricht ist ausgefüllt mit Geschichten, Fabeln, Legenden und Bildern. Wie ein roter Faden durchziehen die Märchen von Hänsel und Gretel, von Dornröschen und Aschenputtel den Unterrricht. In der Geschichte der ´Gänsemagd´ beispielsweise geht es um eine Prinzessin, die aufgrund der Intrige einer Kammerfrau zum Gänsehüten degradiert wird; ihrem Pferd wird der Kopf abgeschlagen. Unter ein dunkles Tor genagelt spricht nun der Pferdekopf täglich mit der Prinzessin und enttarnt letztlich die böse Kammerfrau. Diese wird, wie es in einem anthroposophieeigenen Vorlese- und Bilderbuch heißt, ´splitternackt ausgezogen und in ein Faß gesteckt, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist. Und zwei weiße Pferde müssen vorgespannt werden, die sie Gasse auf Gasse ab zu Tode schleifen´. Ob derlei Grausamkeit Kindern überhaupt zugemutet werden könne, fragt man sich, und bekommt die Waldorf-Antwort: Ja, könne sie, denn: ´Der Böse oder Übeltäter erhält immer seine gerechte Strafe und das beruhigt die Kinderseele dann´. Die Märchen werden erzählt, nacherzählt, gespielt, getanzt, gemalt, selbst für die Rechenstunden werden sie herangezogen. Vielfach werden ganze Passagen wortwörtlich auswendig gelernt. Der Lehrer darf dabei dem Kind nie den Eindruck vermitteln, er unterscheide zwischen Märchen und Wirklichkeit: Alles wird in magisch-mystisch-übersinnlichen Kontext gestellt.

Ab der dritten Klasse wird Erzählstoff auch dem Alten Testament entnommen, ab der vierten Klasse kommt der nordische Schöpfungsmythos der Edda hinzu. Vom Riesen Ymir ist hier die Rede, der von Odin, Wile und We erschlagen wird: ´Den Leib Ymirs warfen dei Börsöhne in die Mitte Ginnungagaps. Das Blut ließen sie als Bäche und Flüsse in die Meere strömen. Aus seinem Fleisch schufen sie die Erdscholle. (...) Ymirs Gehirn warfen sie in die Lüfte, wo es zu Wolken wurde´. Undsoweiterundsofort.

Wenn es im Waldorf-Unterricht nicht blutrünstig zugeht, dann zumindest haarsträubend abstrus: Zur Entstehungsgeschichte der Fledermaus heißt es beispielsweise, Gott und der Teufel hätten einst die Vögel erschaffen. Als Gott die seinigen gemacht habe, hätten diese gleich angefangen zu fliegen. Auch der Teufel habe einen Vogel gemacht, dieser aber habe nicht fliegen können. Auf Bitten des Teufels habe Gott daraufhin gesagt: ´Dein Vogel mag dann fliegen, wenn meine Vögel ruhen´. Also nachts. So sei die Fledermaus entstanden.

Normaler Unterricht, der altersentsprechend die tatsächlichen Vorgänge in der Natur erklärt, kommt praktisch nicht vor; vielmehr soll ´fühlendes Verstehen´ geweckt werden. Steiner: ´Was nützt es im höchsten Sinne, wenn jungen Menschen alle möglichen Mineralien, Pflanzen, Tiere, physikalischen Versuche gezeigt werden, wenn das nicht damit verbunden wird, die sinnlichen Gleichnisse zum Ahnenlassen der geistigen Geheimnisse zu verwenden.´ Es könne einem Menschen nichts Schlimmeres zugefügt werden, als wenn man ihn zu früh an das Denken heranführe. Erst im Zuge der Pubertät reife die Fähigkeit zu eigenständigem Urteilen. Das Motto heißt nun ´Die Welt ist wahr´. Ab der 6. Klasse werden Waldorf-Schüler folglich auch in Physik und Chemie unterrichtet, was allerdings nicht Abstandnahme vom Weltbild Steiners bedeutet. In einem Seminarpapier zum Physikunterricht der Oberstufe heißt es, der Schüler lerne ´die Unterschiede der Lichtquellen und ihre physikalischen Funktionen kennen. Gleichzeitig lernt er (...), daß die Qualität des Lichts einer Kerze, einer Glühfadenbirne und einer Neonröhre sehr unterschiedlich ist, nämlich darin, daß in der Kerze gute Wesenheiten zu Hause sind, und in der Neonröhre der menschlichen Seele sehr schadende dämonische Geister sich wohlfühlen´. Im Fach ´Himmelskunde´ werden unhaltbare lunatistische Vorstellungen verbreitet, breit ausgewalzt wird auch auf den astrologischen Tierkreis Bezug genommen.

Kein Wunder, daß die stolz vorgetragene Erfolgsquote von 85% beim Ablegen des staatlichen Abiturs sich als reine Augenwischerei herausstellt: Die Hälfte aller Schüler, so das Kultusministerium Nordrhein-Westfalen, wird gar nicht erst zur Prüfung zugelassen.


aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2002/03. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main

siehe auch das Transkript eines Vortrages von Claudia Goldner auf der Seite "Waldorf"

 


Claudia Goldner

Karma und Reinkarnation

Die Idee einer seelischen Substanz, die sich über den begrenzten Lebenszeitraum eines einzelnen Menschen hinweg erhält und die ein moralisches Werturteil über die Qualität aller vorangegangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Verhaltensweisen transportiert, eignet sich hervorragend als Machtinstrument. Wer sein Leben von Schicksalsmächten bestimmt sieht, wird autoritäre Herrschaftsformen als naturgegeben hinnehmen und sich damit zu arrangieren wissen.

Die Vorstellung, die Seele eines Menschen löse sich im Tode vom Körper und reinkarniere gleichzeitig oder zu späterem Zeitpunkt in einem anderen Körper, stellt den wesentlichen Kern hinduistischer und buddhistischer Überlieferung dar: die Lehre von Samsára, dem Rad des Lebens, einer endlosen Folge von Geburten und Wiedergeburten, die erst - und dies sei Ziel aller Mühe des Menschen - beendet werden könne, wenn die Auswirkungen der Taten früherer Leben, das sogenannte Karma, abgetragen und keine weiteren Taten Ursache dann notwendiger Folgen mehr seien. Erst wenn altes Karma abgebaut und kein neues mehr angehäuft werde, finde die Seele zur Befreiung, zu Moksha.

Auch in der abendländischen Kulturgeschichte findet sich die Idee der Seelenwanderung, Metempsýchosis genannt, allerdings mit weit geringerer Bedeutung als im Osten. In der Antike ist nur bei den Pythagoräern und in der Mysterienschule der Orphiker die Rede davon, am Rande auch bei Plato. In frühchristlicher Tradition spielt sie eine gewisse Rolle, auch Kirchenvater Origenes (185-254 u.Z.) hing ihr an. Erst im Konzil von Konstantinopel im Jahre 533 wird sie offiziell als Ketzerei verworfen.

Unterschwellig freilich, im Kreise von Häretikern und Geheimorden, zieht sich die Vorstellung der Reinkarnation - wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt: Wiedereinfleischung - quer durch das Mittelalter bis hinein in die Neuzeit. In den ab Anfang des 19. Jahrhunderts auftauchenden Traktaten der sogenannten Spiritisten und später der Theosophie wird sie zum zentralen Thema. Anders als im Osten gilt sie hier indes nicht als Alptraum, sondern versteht sich als eine Art "spiritueller Darwinismus", als Weg zur Selbstvervollkommnung nicht nur des einzelnen, sondern der gesamten Menschheit. Goethe, Heinrich Heine und Arthur Schopenhauer gelten als prominente Vertreter solch "abendländischer" Reinkarnationslehre, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Anthroposophie Rudolf Steiners ganz besondere Ausprägung fand.

Die Vorstellung von Wiedergeburt, wie sie in heutigen Esoterikkreisen gepflogen wird, betrachtet das menschliche Leben im großen über alle Inkarnationen hinweg als einen andauernden Lernprozeß. Jede Inkarnation gleiche einem Schuljahr, in dem ein bestimmtes Lernziel zu erreichen sei. Werde nun dieses Ziel nicht erreicht oder weiche der Mensch von dem ihm vorgegebenen Wege ab, müsse das Versäumnis im nächsten Schuljahr aufgearbeitet werden. In ihrer je neuen Verkörperung werde die menschliche Individualität unentrinnbar mit den übriggebliebenen Auswirkungen ihres voirhergehenden Erdenlebens konfrontiert: das "Gesetz des Karma" sorge dafür, daß jede Verfehlung ausgeglichen werde.

Karma-Forscher Peter Michel meint, wer leide, verdiene sein Leiden: ein ungesunder oder mißgebildeter Körper etwa sei allemal Resultat ungehörigen Lebenswandels in der vorhergehenden Inkarnation. Epileptiker beispielsweise seien sexuellen Exzessen verfallen gewesen, Mongoloide dem Egoismus, Sklerotiker dem Haß und der Eifersucht.(1) Wer sich der "Ausschweifung und Perversität" hingebe, so die britische Karma-Expertin Kaye Challoner, laufe große Gefahr, "verunstaltet oder epileptisch, krankheitsbeladen, mit Gehirnschäden, mit Willensschwäche und angeborenen Neigungen zu früheren Lastern" wiedergeboren zu werden.(2)

In einschlägigen Kreisen ist vielfach von dem amerikanischen "Propheten" Edgar Cayce (1877-1945) die Rede, der den Holocaust mit karmischen Verfehlungen der Juden erklärt und rechtfertigt.(3) Szenegrößen wie Phil Laut oder Erhard Freitag äußern sich in diese Richtung: die sechs Millionen Juden, die in den KZs und Gaskammern der Nazis umkamen, seien selbst an ihrem Schicksal schuld gewesen. Ende 1996 brachte der Berliner "Reinkarnationstherapeut" Tom Hockemeyer, szenebekannt unter seinem "spirituellen Namen" Trutz Hardo, ein Buch auf den Markt, das sich in einer Art Roman mit den "Gesetzen von Karma und Wiedergeburt" befaßt.(4) Ganz bewußt wählte Hockemeyer als Titel seines Machwerkes die Lagertorinschrift des KZ Buchenwald: "Jedem das Seine". Es sei, so Autor Hockemeyer, der Holocaust das "Bestmögliche" gewesen, was den Juden habe widerfahren können: er habe einen "karmischen Ausgleich" geschaffen für ihre Verfehlungen in früheren Leben und ihnen insofern "spirituelles Wachstum" ermöglicht. Im April 1998 wurde Hardo-Hockemeyer wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu einer Geldstrafe von 200 Tagessätzen verurteilt; sein Buch wurde aus dem Verkehr gezogen.(5) 

TV-Moderator und Esoterik-Sprachrohr Rainer Holbe war 1990 ähnlicher Ausfälle wegen von RTL-Plus fristlos gekündigt worden. Als "Medium" hatte er sich von zwei Geistwesen Nachrichten aus dem Jenseits diktieren lassen. Diese hatten via Holbe Unfeines aus früheren Leben prominenter Zeitgenossen enthüllt, so auch über Dalli-Dalli-Showmaster Hans Rosenthal, der 1987 nach längerem Krebsleiden verstorben war. Rosenthal, so stand zu lesen, sei in früheren Leben ein Dieb und Mörder gewesen, seine Leiden im jetzigen Leben waren folglich nur gerechte Strafe. Überdies habe er für sein jüdisches Volk gleich mitgebüßt, das die ganze Menschheit schwer geschädigt habe(6).

Esoterik-Lehrerin Penny McLean, bürgerlich: Gertrud Wirschinger, bringt die Gesetzmäßigkeit von Karma und Wiedergeburt auf den Begriff: Die Form, wie du man sich im aktuellen Leben darstelle, ergebe sich daraus, wie man sich im vorhergehenden Leben verhalten habe(7). Allemal walte das Gesetz des Karma in kosmischer Gerechtigkeit: Menschen, die unter Armut, Hunger oder sonstigem Elend zu leiden hätten, würden ebendadurch ihre Vergehen aus früheren Leben absühnen, Menschen in Glück und Wohlstand hingegen den Lohn früher erworbener Meriten genießen. Auch der bekennende Esoteriker Franz Beckenbauer ist der Überzeugung, "daß das Elend des einen Lebens durch das Glück eines vorangegangenen oder kommenden aufgewogen wird"(8). Der britische Fußballnationaltrainer Glenn Hoddle mußte ähnlicher Auffassungen wegen 1999 seinen Hut nehmen: er hatte in einem Interview mit der Times geäußert, Behinderte hätten ihre Gebrechen selbst zu verantworten, weil sie in früheren Leben gesündigt hätten. Nach aktuellen Umfragen glauben 16 bis 20 Millionen Bundesbürger an Reinkarnation.(9) Zu den insofern meistgelesenen Autoren zählen der Theosoph Gottfried von Purucker sowie der Hare-Krishna-Chefideologe Ronald Zürrer.

Seit den 1950er Jahren wird die Idee der Wiedergeburt in therapeutischem Zusammenhang praktiziert. In kruder "Fortentwicklung" der Psychoanalyse, die die Ursache jedweder psychischen Störung in ungelösten Konflikten der frühen Kindheit sucht, geht die Reinkarnationstherapie, auch Past-Life-Therapy genannt, in ihrer Ursachenforschung weiter zurück. Selbst hinter das von Freud-Schüler Otto Rank als entscheidend angesehene "Geburtstrauma", auch hinter die womöglich prägenden "pränatalen Urerfahrungen" innerhalb des Uterus. Reinkarnationstherapie treibt den Rückwärtsdrang der Psychoanalyse auf die Spitze: Noch hinter der Empfängnis, in vormaligen Existenzformen, liege die Ursache der Ursache sämtlicher gegenwärtigen Probleme. Traumatische und unbewältigte Extremerfahrungen früherer Leben wie schwere Krankheit, Folter, vor allem des eigenen Todes, würden sich in die nächste Inkarnation "übertragen" und sich dort in einer Vielzahl psychischer und psychosomatischer Beschwerden niederschlagen. Ängste, Schuldgefühle, chronische Schmerzen, Allergien, Übergewicht, Epilepsie, Alkoholismus, Impotenz, Frigidität undsoweiter seien allesamt karmische Überreste aus früheren Leben, die, eben weil die betroffene Person im "Normalbewußtsein" keinerlei Erinnerungszugang dazu habe, als Krankheitssymptome nach Aufarbeitung drängten. Die Symptome lösten sich auf, sobald ihre wirkliche Ursache erkannt und diese noch einmal "bewußt" durchlebt werde.

Die Rückführung wird in der Regel auf hypnotischem Wege vorgenommen. Oftmals reichen auch einfache Entspannungsübungen verbunden mit der Aufforderung, sich ein geistiges Kino mit leerer Leinwand vorzustellen, in dem nun die verschiedenen "Lebensfilmrollen" abgespielt werden. Das weitaus riskanteste Verfahren zum "Hinabtauchen in frühere Leben" stellt hyperventilierendes Atmen dar. Experimente des tschechischen Psychiaters Stanislav Grof, derlei Erlebnisse mit LSD zu bewirken, mußten nach heftigster Kollegenschelte ebenso eingestellt werden, wie die Versuche des Göttingers Hans-Carl Leuner mit der halluzinogenen Droge Psilocybin.

Im deutschsprachigen Raum ist Reinkarnationstherapie vor allem mit dem Namen des Münchener Psycho-Astrologen Thorwald Dethlefsen verbunden, der Ende der 1960er die Arbeiten amerikanischer Jenseitsforscher aufgriff und publikumswirksam aufbereitete. Die Rückführungstechnik Dethlefsens besteht aus einer Reihe simpler Hypno-Suggestionen.

Therapeut: Sie schlafen...ganz tief...ganz fest...Ihr Schlaf vertieft sich...immer tiefer (...) Ihr Körper ist entspannt...Sie atmen ruhig und gleichmäßig...Sie schlafen tief und fest (...) Erst wenn ich Ihnen befehle aufzuwachen, werden Sie aufwachen (...) Sie stehen ganz unter meinem Einfluß (...) Wir gehen nun in Ihrem Leben zurück...Zeit spielt keine Rolle...Sie sind 23 Jahre alt...Sie sind 18 Jahre alt...wir gehen weiter zurück...Sie sind 16 Jahre alt (...) Du bist zwei Jahre alt (...) Auch wenn du immer jünger wirst und ich dich immer weiter zurückversetze, verstehst du jede Frage und kannst auch jede Frage beantworten (...) Wir gehen jetzt noch weiter zurück und zwar bis zu deiner Geburt. Du wirst also zur Zeit gerade geboren. Wie fühlst du dich? - Klient: Kalt. - Therapeut: (...) Wir gehen noch etwas weiter zurück, wir gehen drei Monate weiter zurück. Wie fühlst du dich? - Klient: Wohl. - Therapeut: (...) Wir gehen nun ein halbes Jahr weiter zurück (...) Wie fühlst du dich? - Klient: Leicht. - Therapeut: (...) Du gehst in Gedanken weiter zurück und wirst mir alles sagen und schildern können, was du dabei erlebst. Hast du schon etwas? - Klient: Einen Baum. - Therapeut: (...) Welches Jahr schreiben wir gerade? - Klient: Sechzehnhundert. - Therapeut: Wie heißt denn euer König oder Kaiser? Wem dienst du? - Klient: Heinrich. - Therapeut: In welchem Land befinden wir uns, welchem Staat? Welchem Gebiet? Wie nennt man das, wo du wohnst? Das weißt du doch. Eins-zwei-drei - du weißt es. - Klient: Schwarze Donau. - Therapeut: (...) Wir gehen in der Zeit nun wieder vorwärts.(10)

Schnell fanden sich zahllose Nachahmer und Trittbrettfahrer, über 2.000 meist selbsternannte "Therapeuten" sind inzwischen mit Rückführung in frühere Leben zugange. Reinkarnationstherapie wird meist in "Blockform" durchgeführt: 15 bis 40 Doppelstunden verteilt auf drei bis vier Wochen. Die Anzahl der Therapiestunden ist allerdings prinzipiell unbegrenzt: es kann immer noch eine Existenzform "hinter" der jeweils gerade bearbeiteten angenommen werden. Eine Stunde kostet zwischen 75 und 280 EURO.

Rückgeführte berichten aus jedwedem vergangenen Zeitalter, ob bei den alten Römern, Griechen oder Chinesen, Vorausgeführte - auch das ist möglich - beschreiben Landungen auf dem Mars oder auf Alpha Centauri. Auch Erlebnisse in Tier-, Pflanzen oder Mineralform gibt es, ebenso wie Berichte aus Himmel, Hölle oder dem "Leben zwischen den Leben". Die Geschichten sind oftmals begleitet von heftigsten Gefühlsaufwallungen, Tonband- oder Videoprotokolle zeigen beklemmende "Authentizität".

Die Frage, ob es sich bei den jeweiligen Geschichten um "reale" Erinnerungen handelt oder um Phantasiegebilde, wäre für die klinische Arbeit (zunächst) ohne jede Bedeutung: Als subjektives Erleben des Klienten sind die auftauchenden Bilder allemal real und bedürfen, ähnlich wie Traumbilder, therapeutischer Bearbeitung, einer nicht-interpretativen Erschließung der verdrängten Bedürfnisse und Ängste, die sich darin mitteilen. Eben solche Bearbeitung sieht die Reinkarnationstherapie aber ausdrücklich nicht vor, unabhängig davon, daß die meisten ihrer Vertreter hierzu gar nicht befähigt wären. Der Klient wird mit der "Erinnerung" an vermeintlich faktisches Geschehen aus früheren Leben alleinegelassen, in der unsinnigen und fatalen Annahme, hierdurch bewirke sich irgendwelcher therapeutischer Wandel.

Die Erklärung für das Auftreten "reinkarnatorischer" Phänomene ist einfach: In Trance, auch wenn diese nur sehr oberflächlich ist, verengt sich das Wahrnehmungsfeld, während gleichzeitig enorme Phantasietätigkeit freigesetzt wird. Nach außen bleibt lediglich der Rapport zum Therapeuten erhalten, dessen Suggestionen - beabsichtigte wie unbewußte - leicht aufgenommen und in die jeweiligen Phantasiekonstrukte eingebaut werden. Unbewußte "Gefälligkeitsphantasien" für den Therapeuten, der seinerseits - zumindest unbewußt - die Produktion bestimmter Bilder erwartet, spielen eine wesentliche Rolle. Menschen in Trance fabulieren so bestechend "logisch" und detailliert - vielfach gehen die Geschichten auch mit großer emotionaler Erregung einher -, daß sie selbst, wie auch Augenzeugen, unverrückbar an die faktische Realität des Erlebten glauben. Hinzu kommt, daß die wesentliche motivationale Kraft, die, neben Leidensdruck, den Weg eines Menschen zu einer Psychotherapie, und insbesondere zu einer Reinkarnationstherapie, bestimmt, in dem Wunsche liegt, etwas über sich zu erfahren: Neugierde also oder Not bei der Erklärung der eigenen Existenz. Vor diesem Hintergrund kann in Trance, besonders wenn diese mit psychophysiologischen Manipulationstechniken wie Hyperventilation induziert wurde, alles Mögliche erlebt und damit "erklärt" werden: Wiedergeburtserlebnisse haben mithin den Charakter von "Begründungslegenden", die Unverständliches in der eigenen Existenz erklären., schaffen wir Legenden, um es zu begründen, erzählen wir Geschichten, um es zu erklären. Das Material zu diesen Geschichten, beispielsweise der "Erinnerung" an ein früheres Leben als Hofnarr bei Pippin dem Kurzen, stammt aus Bruchstücken erinnerter Erzählungen, Romane, Bilder, Kinofilme undsoweiter, die in Trance zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden und sich zu einem ganzen "Film" verdichten können. Selbst in oberflächlicher Trance können Gedächtnisinhalte reaktiviert werden, die dem Wachbewußtsein ansonsten nicht mehr zugänglich sind. Für derartige Kryptomnesie liegen mittlerweise zahlreiche Belege vor: das Erleben vermeintlicher Präexistenzen etwa im alten Rom beruht ausschließlich auf Erinnerungsfragmenten an Filme wie "Ben Hur" oder "Quo Vadis" und dergleichen, die allerdings bewußt nicht mehr abrufbar oder zuzuordnen sind. Potokolle von "Vorausführungen" erinnern häufig an "Perry-Rhodan"- oder "Raumschiff Enterprise"-Episoden.

Auch wenn reinkarnationstherapeutische Tranceinduktionen auf den ersten Blick als eher harmlos-groteske Inszenierungen erscheinen: derlei "Rückführung" kann für den einzelnen Teilnehmer hochgefährlich werden. Es können akute Verwirrungszustände und Identitätskonflikte auftreten, die bis zu schweren psychotischen Entgleisungen und/oder suizidalen Krisen führen können. Aufgrund ihrer in der Regel völlig ungenügenden Ausbildung sind die Reinkarnationspraktiker nicht in der Lage, die Gefährlichkeit ihres Tuns richtig einzuschätzen.

Ein Beispiel: Eine bekannte Opernsängerin litt unter der Angst, auf der Bühne könne ihr plötzlich die Stimme versagen. In der Reinkarnationstherapie "erinnerte" sie, sie sei im 15. Jahrhundert Scharfrichter in Rothenburg o.d.Tauber gewesen, als welcher sie Hunderte von Delinquenten an den Galgen geknüpft habe. Viele der Verurteilten seien unschuldig gewesen, sie habe folglich furchtbares Karma auf sich geladen. Diese Schuld äußere sich in ihrem jetzigen Leben - naheliegenderweise - in Problemen an ihrem Halse. Die Frau steigerte sich in die Vorstellung hinein, sie könne dieses Karma nur abtragen, wenn sie sich selbst antäte, was sie ihren unschuldigen Opfern angetan habe. Sie sah keine andere Möglichkeit mehr, als sich selbst zu richten und auf dem Dachboden aufzuhängen. Aufgrund akuter Sebstmordgefährdung kam sie in stationäre psychiatrische Behandlung, in der sie mehr als ein halbes Jahr verbleiben mußte.

Josef Sudbrack, Reinkarnationskritiker aus jesuitischer Sicht, betont: "Die Vorstellung einer tatsächlichen Reinkarnation ist absurd. Es handelt sich um unterbewußte Projektionen frühkindlich-traumatischer Erlebnisse in eine Bildersprache".(11) Ansonsten freilich tut die Amtskirche sich schwer, eine klare Position gegen die um sich greifende Wiedergeburtsgläubigkeit zu beziehen: zu sehr ähneln die eigenen Angebote und Versprechen eines Fortlebens nach dem Tode, einer "Auferstehung im Fleische", denen der Neo-Okkultisten des New-Age.

Seit Anfang der 1980er ist ein enormer Zuwachs an Veröffentlichungen aus dem Okkultbereich zu beobachten. Insbesondere zu den Themen Reinkarnation beziehungsweise Reinkarnationstherapie gab es eine wahre Flut an Neuerscheinungen. Viele dieser Publikationen sind freilich nichts als Aufgüsse einschlägiger Texte aus den frühen 1920er Jahren, als die Reinkarnationsidee schon einmal Hochkonjunktur hatte. Wie es etwa in einer Schrift "Tote leben und umgeben uns" aus dem Jahre 1918 heißt: "Die wichtigste Frage für die ganze Menschheit ist zweifellos: Was wird aus uns nach dem Tode? Leider sind heute noch die allermeisten Menschen (...) der Meinung, daß das Was und Wie des Fortlebens der Menschengeister nach dem Tode überhaupt nicht zu ergründen sei. Durch diesen Trugschluß und den schlechten Lebenswandel, den viele infolgedessen auf Erden führen, schaffen sich Millionen und aber Millionen Menschen (ein Fortleben von unbeschreiblichem) Jammer und Elend".(12) Vieles stammt auch aus Originaltexten Rudolf Steiners, dessen "Okkulte Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt", erschienen 1924 und neu aufgelegt 1980, ganz offenbar einer Unzahl weiterer Publikationen als Vorlage dienten.(13) Insbesondere die von Steiner aufgestellten "historischen" Inkarnationsketten fanden vielfache Nachahmung. Steiner sah etwa in Novalis eine Wiederverkörperung von Raffael, Johannes und Elias, in Schiller unter anderem die eines christlichen Märtyrers im antiken Rom, in Karl Marx und Friedrich Engels Wiedergeburten eines Leibeigenen bzw. eines unredlichen Gutsbesitzers Anfang des 9. Jahrhunderts. Platon habe sich im 19. Jahrhundert als unbedeutender Wiener Professor wiederverkörpert, der dem Schwachsinn verfiel. Wen er damit gemeint hatte, blieb offen. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler im übrigen hielt sich selbst für eine Reinkarnation des Sachsenkönigs Heinrich I..

Abgesehen von der Erörterung völlig unerheblicher Detailfragen unterscheiden sich die meisten Publikationen zum Thema Wiedergeburt in nichts voneinander, vielfach schreiben die Autoren seiten- und kapitelweise voneinander ab. Von bemerkenswerter Originalität ist da der Beitrag der Reinkarnationspraktikerin Hannelore Knöpfler zur Debatte um den Paragraphen 218. Frau Knöpfler, die in eigenen Seminaren die Kontaktaufnahme mit den Seelen abgetriebener Föten lehrt, beschreibt ebensolchen Kontakt als unabdingbar für Frauen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben, "denn wo Frauen behaupten, daß 'ihr Bauch ihnen gehöre', manifestieren sie gleichzeitig, daß sie sich herausnehmen, über die Gesetze des Kosmos zu bestimmen". Schuldhaft hätten sie die Ankunft einer "reifen Seele" verhindert, für die gerade diese Eltern bewußt, sprich: aus karmischen Gründen, ausgesucht worden seien: "Die Beziehung von Kindern zu Eltern ist niemals zufällig. Immer haben bereits Verbindungen in einem früheren Leben bestanden (...) Wer Leben bewußt tötet, merkt sehr bald nach der Abtreibung, daß er ein großes Stück seines SELBST getötet hat". Kosmische Verzeihung liege in tätiger Reue und der Erkenntnis, wie wichtig es sei für die "kollektive Bewußtseins-Dimension der Menschheit, daß möglichst viele Seelen JETZT auf die Erde kommen".(14)

Originell ist auch die Offerte einer Liechtensteiner Firma, die Kapitalanlagen für das nächste Leben anbietet. Als nach eigenen Angaben weltweit einziges Unternehmen dieser Art eröffnet die Stiftung "Prometh" mit Sitz in Liechtenstein Reinkarnationsgläubigen die Möglichkeit, sich gewissermaßen selbst zu beerben. Interessenten müßten zu Lebzeiten einen Fragebogen mit persönlichen Angaben ausfüllen, der später als Identifikationshilfe diene. Glaube jemand, schon einmal dagewesen zu sein, könne er sich an die Stiftung wenden, die drei anerkannte Reinkarnationstherapeuten auf Spurensuche schicke. Falls die drei Experten den Wiedergänger übereinstimmend identifizierten, erhalte dieser seine Einlage verzinst ausbezahlt. Während die Seele Vorausblickender also auf Wanderschaft sei, so die Stiftung Prometh, arbeite ihr Kapital auf der Bank. Werde das Geld nach dreiundzwanzig Jahren nicht eingefordert, gehe es einem vom Anleger zu Lebzeiten notariell festgelegten Zweck zu. Die Mindesteinlage beträgt 102.000 EURO. In den USA soll ein Versicherungsunternehmen Policen anbieten für den Fall, daß man wider Willen in einem Land der Dritten Welt reinkarniere.(15)

Erwähnenswert ist auch die neueste theoretische Variante von Reinkarnationspionier Dethlefsen, der erkannt haben will, daß es "in Wirklichkeit keine Zeit (gibt), in der Wirklichkeit ist ewiges Hier und Jetzt". Folglich gebe es "keine früheren Leben, sondern es gibt nebeneinanderliegende Leben", Parallelleben sozusagen derselben Person zur gleichen - da nicht existierenden - Zeit. In der Therapie müsse es darum gehen, "Inkarnationen" als "Identifikationen" zu begreifen, als Nebeneinander verschiedenster Simultanexistenzen, die solange zu durchleben seien, bis man die "Opfer"-Identifikation hinter sich gelassen habe und durchgestoßen sei zu der verborgen gebliebenen "Täter"-Rolle. Insofern sei zu fordern, einen kranken oder behinderten - nach Dethlefsen: "nicht lebenswilligen" - Säugling medizinisch nicht zu versorgen, sondern sofort sterben zu lassen: "Woher holt sich ein Arzt die Berechtigung, einen nicht lebenswilligen Säugling dazu zu zwingen, am Leben zu bleiben? (...) Es ist ein natürlicher und gesunder Vorgang, daß die Natur dieses Geschöpf vom Leben wieder zurückzieht".(16)

Hierzu paßt auch die Erkenntnis des amerikanischen New-Age-Rabbiners Yonassan Gershom, der im März 1997 auf den Goetheanum-Tagen der Anthroposophischen Gesellschaft in Berlin zum Thema "Reinkarnation und Karma" kundtat, ihm seien nachweisliche Wiedergänger von Holocaust-Opfern bekannt; beispielsweise eine junge Frau, deren ständige Husten- und Würgeanfälle sich in hypnotischer Rückführung als Residuen ihres Erstickungstodes in einer Gaskammer in Auschwitz herausgestellt hätten. Gershom ist Autor eines Buches mit dem abgründigen Titel "Beyond the Ashes" (= Jenseits der Asche), in dem er eine Vielzahl derartiger Fälle vorstellt. Allen Ernstes diskutiert Gershom auch die Frage, ob "Hitlers Seele bereut" habe; er zitiert hierzu das Channelingmedium Michael Schuster, durch das Hitler sich regelmäßig aus dem Jenseits mitteile: "Ich kann nicht ungeschehen machen, was ich angerichtet habe; das ist das Dilemma und der Grund meiner Pattsituation. Ich habe keine Entschuldigung für die Juden von heute; ich konnte in mir keine Antwort finden. Ich kann nur meine eigene Qual anbieten (...) Das mag unangemessen erscheinen, aber die Entwicklung, die ich anstrebe, muß die gleiche Gesundung beinhalten, die auch in Ihrer Welt gesucht wird. Ich suche nach Liebe in mir; sehen Sie nicht, daß die Menschheit die gleiche Liebe auch sucht?". Im Interesse der "planetarischen Heilung" sei er, Gershom, bereit, "Adolf in die Arme zu schließen".(17)

Literatur

[1] Michel, P.: Karma und Gnade. Grafing, 1988 [2] Challoner, H.-K.: Das Rad der Wiedergeburt. München, 1976 [3] Stearn, J.: Der schlafende Prophet. München, 1985 [4] Hardo, J.: Jedem das Seine. Neuwied, 1996 [5] AG Neuss: Az.: Z 2101 IS 1974/97 [6] Keller, H.: Der Fall Holbe bei RTL. in Tageszeitung vom 28.3.1990 [7] PSI. ARD vom 19.1.1993 [8] Beckenbauer, F.: Ich: Wie es wirklich war. München, 1992 [9] Forum Kritische Psychologie: Scharlatane und Beutelschneider. München, 1996 (unveröffentlichtes Manuskript; aktualisiert 1999) [10] Dethlefsen, T.: Das Leben nach dem Leben: Gespräche mit Wiedergeborenen. München, 1974 (4. Auflage) [11] Einspruch. SAT1 vom 26.11.1992 [12] Bilz, F.: Tote leben und umgeben uns. Dresden, 1920 [13] Steiner, R.: Okkulte Untersuchungen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Dornach, 1924 (Reprint 1980) [14] Knöpfler, H.: Was Ungeborene uns mitzuteilen haben. in: DAR, 1/1990 [15] Hiemer, K.: Bei Wiedergeburt Geld zurück. dpa vom 30.9.1996 [16] Dethlefsen, T.: Das Leben nach dem Leben. München, 1974 (4. Auflage) [17] Gershom, Y.: Beyond the Ashes. Virginia Beach, 1992 (deutsch: Kehren die Opfer des Holocaust wieder? Dornach [CH], 1997)

 

aus: Bygland, A. (Hrsg.): Die autoritäre Versuchung: Mit Heilslehren auf den rechten Weg. Almanach Edition (Abraxax Nr.6), München, 2003 


Claudia Goldner

tiehrhaw red emmits - Reverse Speech Therapy

Unlängst machte ein Australier namens David John Oates Furore mit einer, laut Eigenwerbung: "Entdeckung von Nobelpreiskaliber": Spiele man auf Tonband Gesprochenes langsam im Rückwärtsgang ab, tauchten "als Kommentare des Unterbewußten" sinnvolle Wörter und Sätze auf, die enthüllten, was der Sprecher "wirklich" denke und fühle. Die sogenannte Reverse-Speech-Methode bedeute nichts weniger als eine "Revolution in Psychoanalyse und Psychotherapie". Desgleichen in Kriminologie und Pädagogik: Verbrecher könnten leicht entlarvt werden, indem man ihre Aussagen rückwärts anhöre und nach unbewußten Geständnissen absuche; auch Ehepartner, die man der Untreue verdächtige oder Kinder, die ihre Eltern und Lehrer ständig belögen. Im übrigen ließen sich selbst dem Gebrabbel von Säuglingen, auf Tonband aufgenommen und rückwärts abgespielt, sinnvolle - und vor allem "wahre" - Botschaften entnehmen.

Selbstredend ist  Oatessche "Entdeckung" - hochgejubelt von den Medien der Esoterikszene als "Einblick in den tiefsten Grund des Unbewußten" - kompletter Unsinn (vergleichbar der sogenannten Tonbandstimmenforschung, die aus zwischenfrequentem Radiorauschen Nachrichten aus dem Jenseits heraushören will): Tatsächlich handelt es bei dem vermeintlichen "Verstehen" sinnvoller Worte oder Sätze aus simplem Geräusch um das hinlänglich bekannte neuropsychologische Phänomen, daß das Gehirn aus nicht-sinnmachender sensorischer Wahrnehmung bei wiederholter Exposition Sinnmachendes zu gestalten sucht (wie etwa im "Sehen" tatsächlich gar nicht vorhandener Figuren in Zufallsmustern); vor allem dann, wenn, wie bei den Rückwärtssprachforschern, eine entsprechende Erwartungshaltung vorliegt.

Inzwischen gibt es gar schon ein "Privatinstitut für Rückwärtssprache und Bewußtseinsforschung" bei München, an dem eigene Ausbildungen zum/zur "RückwärtssprachanalytikerIn" angeboten werden.

 

aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2003/04. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main

 


 

 

 

 

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