Sonstiges


Sonstiges zum Nachdenken...

Aufklärung wider esoterischen Unfug ist auf allen Ebenen nötig, ob sie sich nun gegen astrologische, lunatistische oder sonstig hellseherische oder wahrsagerische Spökenkiekerei wendet. Nicht nur Freitagen, die auf den 13. Tag eines Monats fallen, werden unheilbringende Wirkkräfte zugesagt, auch Neujahrs-, Sonnwend- oder die sogenannten "Freinacht"-Tage sind für viele Menschen derart angstbesetzt, dass sie sich nicht aus dem Hause zu gehen getrauen. Insbesondere die Schaltjahrtage gelten vielerorts als von negativer Energie besetzt - durch nichts zu begründender Aberglaube natürlich auch dies.  


Claudia Goldner  

29. Februar - kein Grund zum Unken

Für die meisten Menschen ist der nur alle vier Jahre wiederkehrende 29. Februar ein Tag wie jeder andere. Manchen gilt er als Glückstag, andere dagegen gehen an diesem Tag gar nicht aus dem Haus, da er nur Pech und Unglück bringe.

Tatsächlich geht die Einführung eines Schaltjahres und damit des 29. Februar auf die Eitelkeit eines römischen Kaisers zurück: Im Jahre 46 v.u.Z. beauftragte Julius Caesar den griechischen Astronomen Sosigenes mit einer Kalenderreform. Der bis dahin bei den Römern übliche Kalender war ziemlich chaotisch gewesen: jedes zweite Jahr hatte man einen kurzen Extramonat einschieben müssen, um die Differenz zum Sonnenjahr auszugleichen. Der griechische Gelehrte empfahl ein Jahr zu 365 Tagen, beginnend mit dem Frühlingsmonat März. Abwechselnd sollten die Monate je 31 bzw. 30 Tage, der letzte Monat des Jahres, Februar, 29 Tage dauern. Da das Sonnenjahr aber exakt 365,25 Tage dauert, wurde beschlossen, jedem vierten Februar einen Extratag zum Ausgleich hinzuzufügen.

Nur kurze Zeit hatte der neue Kalender Bestand. Im Jahre 8 v.u.Z. benannte Kaiser Augustus den sechsten Monat des Kalenders, den Sextilis, nach sich selbst um: Augustus. Wie Julius Caesar, nach dem der Monat Julius benannt war, wollte auch er einen eigenen Monat haben: einem Gott stünde so etwas zu. Schließlich hatten auch Kriegsgott Mars und Göttervater Jupiter Maius ihre Monate; selbst Jupiters Gemahlin Juno verfügte über einen eigenen Kalenderabschnitt.

Das Problem bestand nun darin, daß der von Augustus gewählte Monat nach dem System des Sosigenes nur 30 Tage aufwies, wohingegen der von Julius Caesar 31 Tage hatte. Flugs wurde das System über den Haufen geworfen, dem August wurden ebenfalls 31 Tage zugeschrieben. Da das Kalendersystem hierdurch einen Tag zu lang wurde, zog man dem ohnehin schon um einen Tag kürzeren Februar einen weiteren Tag ab, so daß er nur noch 28 Tage aufwies.

Erst seit einer weiteren Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 fängt das neue Jahr mit dem 1. Januar an, der bisherige siebte Monat (septem-ber) wurde zum neunten, der achte (octo-ber) zum zehnten und so fort. Das System des Sosigenes wurde prinzipiell beibehalten und hat sich bis heute in den meisten Teilen der christianisierten Welt durchgesetzt.

Das Schaltjahr mit seinem Einschub eines Extratages hat also, wie die Geschichte des Kalenders zeigt, einen rein astronomischen Grund. Auch der Umstand, daß der Februar einen Tag weniger aufweist, liegt im Wesen des sosigenischen Kalenders. Daß er außerhalb des Schaltjahres gleich zwei Tage weniger aufweist, liegt an der Eitelkeit eines römischen Kaisers. Numinose Schlüsse auf irgendwelche Schicksalsverquerungen an diesem Tage sind völlig deplaziert: der 29. Februar ist ein Tag wie jeder andere.

Völliger Unsinn sind daher all die Unkenrufe von Hellsehern und Wahrsagern, die für die Schaltjahrtage jeweils Schreckliches prophezeien: Erdbeben, Springfluten, das Hereinbrechen des göttlichen Strafgerichts.

in: Süddeutsche Zeitung (FS) vom 28./29.2.2004

 


Auch gegen Rassismus muß auf allen Ebenen vorgegangen werden:

Claudia Goldner 

"Ein bißchen Spaß muß sein..."

In der Werbung heißen sie inzwischen Schokoküsse oder, nach der Herstellerfirma, einfach Dickmanns. Auch sonst sagt kaum jemand noch Negerkuß. Weil sich das doch irgendwie rassistisch anhört. Nur im Karneval wird von Konditoreien und Confiserien quer durch die Lande die alte Bezeichnung hervorgekramt, wenn die pappigen Schokodinger Augen und Münder kriegen und, mit Hütchen verziert, als "Mohrenköpfe" in die Auslagen kommen.

Nein, an einem "Mohrenkopf" - gefüllt im übrigen mit Rindergelatine (!) - ist nichts lustig, er dient dazu, dunkelhäutige Mitmenschen in den Köpfen der Kinder als Witzfiguren darzustellen, die man nach Belieben zermanschen und dann aufessen darf. Als wenn ein Roberto Blanco nicht schon genug geleistet hätte zur Prägung des Bildes vom ewig blöd augenkullernden Bimbo.  

 

aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2003/04. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main 


Der permanente Leistungsdruck, dem der/die Einzelne unterworfen ist, führt zu fatalen und antisozialen Entwicklungen:

Claudia Goldner

Karoshi

Seit gut fünfzehn Jahren wird ein merkwürdiges Phänomen in der japanischen Leistungsgesellschaft beobachtet: Karoshi - Tod durch Arbeit.

Mittlerweile juristisch und von Haftpflichtversicherungen als eigenständige "Todesart im Berufsumfeld" anerkannt, fallen jedes Jahr mehr japanische Männer und Frauen dem Karoshi zum Opfer, als einem Gewaltverbrechen. Eine eigene Schutzvereinigung geht von mehr als 10.000 Karoshi-Toten pro Jahr aus, Tendenz steigend.

Karoshi schlägt in vielfältiger Manier zu: streßbedingte Kreislaufkollapse und Herzinfarkte, Selbstmorde, viele Opfer schlafen einfach in der U-Bahn ein und wachen nicht mehr auf.  

Ob tatsächlich Karoshi schuld am Ableben eines Familienangehörigen war und den Hinterbliebenen Anspruch auf eine Versicherungs- oder Rentenzahlung eröffnet, wird nachträglich überprüft. Die Angehörigen müssen dabei dem Arbeitsministerium nachweisen, daß der Verstorbene am Tage seines Ablebens bzw.in der Woche davor extremer Arbeitsbelastung ausgesetzt war. Ansprüche können nur dann geltend gemacht werden, wenn der Betreffende unmittelbar vor seinem Tod zumindest 24 Stunden (!) ohne Pause gearbeitet hat oder in der Woche davor jeden Tag zumindest 16 Stunden. Wenn er am Tag seines Todes eine halbe Stunde Pause hatte oder in der Vorwoche einen freien Tag, ist es schon kein offizielles Karoshi mehr und die Hinterbliebenen gehen leer aus.

 Laut Angaben des japanischen Gesundheitsministeriums gab es im Jahre 2001 lediglich 143 Karoshi-Tote im Lande von Suzuki und Toshiba. 

aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2003/04. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main 


Claudia Goldner 

Alle gewinnen - keiner verliert 

Wer erinnert sich nicht an das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2002 in Japan. Deutschland - Brasilien. Und wir alle haben noch die verzerrten Gesichtszüge, den weit aufgerissenen Mund von "Bundestorwart" Olli Kahn vor Augen. Wird er den entscheidenden Ball halten? Ja, er hat ihn. Die Siegerehrung, Ruhm, Rampenlicht, Geld ohne Ende scheinen sicher. Doch im nächsten Moment entgleitet ihm dann doch noch die Kugel und rollt ins Tor. Und schon ist er Versager, Fliegenfänger, Depp der Nation, ein Nichts.

In unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft ist Kooperation durch eine nicht enden wollende Kette an oktroyierten und letztlich auch selbstgesuchten Konkurrenzsituationen im Spiel-, Sport-, Schul-, Arbeits- und Freizeitbereich nahezu bedeutungslos geworden. Die Konditionierung auf ehrgeiziges Streben, besser als andere oder gar "der Beste", die "Nr.1" sein zu wollen, lassen alle anderen nur noch als Rivalen und Gegner erscheinen. Im Kampf um Ehre, Pokale und Trophäen gedeihen Argwohn, Mißgunst, Neid, Täuschung und Betrug. Nach Erfolg süchtige und von Ehrgeiz zerfressene Menschen wie Olli Kahn, fast krankhaft aggressiv und damit im Wortsinne "asozial", werden zum Vorbild.

Statt bereits unsere Kinder zu nötigen, sich der Gewinner-Verlierer-Struktur von Spielen und Wettkämpfen aller Art auszusetzen, sollten wir sie zu kooperativen Spiel- und Begegnungssituationen, in denen das Gegenüber zum tatsächlichen Mitspieler und echten Partner wird, einladen. Denn erst in einem Kontext, in dem alle gleichermaßen teilhaben, niemand ausscheiden muß, jeder Fehler machen darf, keine Versagensängste geschürt werden, können Kinder frei und selbstbewußt werden, freundliche Gefühle füreinander entwickeln und spielerisch erfahren, was Zusammenhalt, Solidarität, gegenseitige Hilfe, Rücksicht und wertschätzende Akzeptanz bedeuten kann. Der Erfolg jedes Spielers ist bei kooperativen Spielen mit dem aller anderen positiv verknüpft. Alle gewinnen - niemand verliert. Es geht gleichermaßen darum, gemeinsam ein Ziel zu erreichen wie gemeinsam Spaß an der Tätigkeit an sich zu haben, ohne dabei jemand anderen zu bekämpfen und zu besiegen.

Zahlreiche Spielanregungen finden sich bei:

Alfie Kohn: Mit vereinten Kräften. Beltz, Weinheim, 1989

Terry Orlick: Kooperative Spiele: Herausforderung ohne Konkurrenz. Beltz, Weinheim, 2001

aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2003/04. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main


Claudia Goldner 

My Child Superstar 

Zu den unveränderlichen Grundkonstanten des Menschseins scheint zu gehören, dass junge Eltern ihr Neugeborenes für das schönste und einmaligste Neugeborene halten, das je das Licht dieser Welt erblickt hat. Egal, ob es so aussieht, wie erträumt, egal überhaupt, ob es irgendwelchen Erwartungen und Vorstellungen entspricht. Und das ist auch gut so, schlimm für jedes Neugeborene, dessen Eltern nicht in grenzenlose Verzückung verfallen angesichts ihres kleinen Schreihalses.

Meist allerdings hält die begeisterte Unbedingtheit nicht sehr lange vor. Bald schon halten dieselben Eltern ihren Nachwuchs nur dann noch für ganz einmalig, wert weiterer Fürsorge und Zuwendung, wenn er sehr wohl und aufs Perfekteste den eigenen Erwartungen und Vorstellungen entspricht; wenn er, psychoanalytische Binsenlehre, just so ist, wie sie glauben, selbst eigentlich sein zu sollen.

Mit Hilfe eines reichhaltigen Instrumentariums pädagogischer Maßnahmen trimmen sie ihr Kind darauf hin, das Klischeebild zu erfüllen, das sie von einem "guten Kind" im Kopfe tragen. Dazu zählt in einer leistungsorientierten Gesellschaft, daß es Leistung zu erbringen habe, Bestleistungen am besten.

Zwei von drei Schulkindern in Deutschland, so das erschreckende Ergebnis der Studie "Young is beautiful?", die Mitte der 1990er durch sämtliche Medien ging, klagten über Erschöpfung und Stress. Die körperlichen Folgen des ständigens Leistungsdruckes, so eine zeitgleiche Untersuchung der Universität Bielefeld, nähmen immer mehr zu: Jeder zehnte Schüler bekämpfe zumindest einmal pro Woche seine Kopfschmerzen mit Tabletten. Zigtausende "hyperaktiver" Kinder würden regelmäßig mit Ritalin ruhiggestellt.

Und was hat sich seither geändert? Gar nichts. Im Gegenteil: Der irrwitzige Leistungsdruck, der längst über die Schule hinaus die gesamte Freizeitkultur umfasst, hat sich schleichend auch "nach unten" in den Vorschul- und Kindergartenbereich ausgeweitet. Schon Drei- und Vierjährige füllen die Praxen von Kinderärzten und Psychologen mit eindeutigen Stresssymptomen:  morgendliche Übelkeit, Bauch- und Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Ess- und Schlafstörungen; selbst ausgewachsene Depressionen sind bei Kleinkindern keine Seltenheit mehr.

Der Grund, letztlich systemimmanent, liegt im insofern kaum abdingbaren Drill, dem der Nachwuchs unterzogen wird, auf daß er klug, brav und fleißig den "Eltern recht viel Freude mache", wie es mit hörbar sarkastischem Untertone schon bei Wilhelm Busch heißt, und der vielfach bereits im Windelalter beginnt. Das klügste, bravste und fleissigste Kind zu haben ist Ziel tagtäglich und flächendeckend durchgeführter Dressurakte, gerne auch das niedlichste. Jedenfalls muß der eigene Sproß der an die gesellschaftlich herrschenden Vorstellungen bestangepasste sein, ein Mustersproß sozusagen, und zugleich beziehungsweise ebendarin einzigartig.

Das skurrilste wie auch abschreckendste Beispiel hierfür findet sich in den USA, wo quer durch sämtliche Staaten Wochenende für Wochenende auf sogenannten Young Beauty Peagants zwei-, dreijährige Mädchen um irgendwelche Little-Miss-Sowieso-Titel konkurrieren, von ihren Müttern zu lebenden Barbie-Puppen gestylt, mit hochhackigen Pumps und in bonbonfarbene Rüschchen-und-Tüll-Kleidchen gesteckt; darauf gedrillt, unter keinen Umständen loszuheulen, sondern stets tapfer lächelnd Kußhändchen ins Publikum zu werfen. Auch für Jungs gibt es derlei Horrorspektakel: ausstaffiert als Klein-Kens müssen sie den Catwalk auf und abparadieren und wahlweise wie Leonardo di Caprio oder Johnny Depp dreinblicken. Isn't he the cutest!

Nein, derlei offenkundigen Mißbrauch kleiner Kinder durch überambitionierte oder sonstig neurotisch gestörte Eltern, die, jedem außer ihnen selbst ersichtlich, eigenen Mangel durch entsprechende Dressur ihres Nachwuchses zu kompensieren suchen, gibt es hierzulande nicht. Allerdings ist der Unterschied nur graduell zu jenen Eltern, die Schlange stehen vor den Studios von Geiselgasteig oder Babelsberg, um ihre Kinder für irgendwelche Fernsehshows casten zu lassen. Die sie so lange drillen, bis sie vor der Kamera und wildfremden Leuten ein meist viel zu langes Lied vortragen können, ständig betatscht und bequatscht von einem ach so kindereinfühlsamen Moderator; oder schlimmer noch: in der Mini-Playback-Show auftreten, wo sie in eigens nachgeschneiderten Outfits irgendwelcher Rock- oder Popstars deren Bühnenshow nachahmen: Eine Vierjährige mit den lasziven Posen einer Madonna, beckenkreisend und mit der Hand am Slip. Der immer wieder erhobene Vorwurf, RTL liefere mit dieser Sendung die Onaniervorlage schlechthin für Pädophile, ist nicht von der Hand zu weisen. Ebensowenig der, hinter dem kindlichen Wunsche, ein Fernseh- oder sonstiger Star zu werden, stecke nicht allemal elterliche Ambition. Selbst in der eher betulichen Programmzeitschrift Hörzu hieß es zu besagter Mini-Playback-Show, es sei "beeindruckend, was die kleinen Kinder zeigen - aber auch sehr beängstigend. Ist das noch die einfache Freude am Verkleiden, am 'Erwachsenenspielen'? Wohl kaum, denn um eine so ausgefeilte Perfektion bieten zu können, müssen schon sehr ehrgeizige Eltern dahinterstehen". Der vielgehörte Spruch: "Mein Kind macht das gerne und ganz freiwillig!" ist schlicht Unsinn

Entgegen aller Behauptung gibt es auch keine dreijährigen Klavier- oder Violinvirtuosen, die ganze Symphonien herunterspielen können, auswendig und fehlerfrei, ohne dahinterstehenden elterlichen Ehrgeiz. Ebensowenig vierjährige Tennisspielerinnen, die ein Turnier nach dem anderen gewinnen, ohne daß ein krankhaft ambitionierter Vater mit dem Rohrstock die Übungseinheiten überwachte. Ganz abgesehen davon, daß hinter jedem Kind, das es "erfolgreich" ins Rampenlicht schafft, tausende anderer stehen, die, genauso gedrillt von leistungsbesessenen Eltern, Lehrern und Trainern, im zweiten und dritten Gliede hängen bleiben: Hinter jedem Superstar ein Heer an Verlierern.

Was aber, wenn ein Kind sich wiederkehrend und hingebungsvoll, dazu mit offenkundigem Talent, einer Aufgabe oder Betätigung widmete, ohne daß irgendjemand aus seinem Umfeld es dazu aufforderte oder drängte? Wenn es weit über seinen Altersdurchschnitt hinausreichende Fähigkeiten aufwiese, etwa auf sprachlichem, technischem, musischem, kreativem oder auch psychomotorischem Gebiete? Sollen und müssen solche Begabungen nicht gefördert werden? Doch, selbstverständlich. Allerdings sollten diese Kinder ihre Begabung kindgerecht entwickeln dürfen, in spielerischer Form und nach eigenem Zeitmaß und Limit, ohne daß Erwachsene Übungseinheiten, Trainingspläne und zu erreichende Ziele für sie vorgäben und vor allem: ohne daß sie ihre Fähigkeiten öffentlich oder gar in Konkurrenz gegen andere Kinder vorführen müssten. Kindgerechte Förderung einer besonderen Begabung bedeutet insofern eine konsequente Abkehr davon, das Kind zur Mehrung von Ruhm und Ehre, gegebenenfalls auch zur Hebung des Familieneinkommens, zu Höchstleistungen auf dem Gebiete seines Talents zu nötigen. Behutsam fördern: ja, für die eigenen Bedürfnisse und Interessen ausbeuten: nein. Wer sein Kind, egal welchen Alters, auf  Höchstleistungen trimmt, deren Parameter es nicht selbst bestimmen kann, egal ob am Klavier, auf dem Tenniscourt oder in der Schule, macht sich schlicht des Kindesmißbrauches schuldig. Juristisch nicht angreifbar, aber an den überfüllten Wartezimmern in den Praxen von Kinderärzten und -psychologen deutlich abzulesen. In Japan, wo Kleinkinder schon mit einem Jahr lesen und schreiben können, mit zwei die Grundrechenarten und mit drei ein klassisches Musikinstrument, Grundzüge der Informatik und zumindest eine Fremdsprache beherrschen, beziehungsweise gesellschaftlicher Vorgabe zufolge zu beherrschen haben, ist die Suizidrate unter Schülern so hoch wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Bezeichnend im übrigen, daß in der deutschen Sprache ein wirklich passender Begriff für derlei Gewalt gegen die freie Entfaltung und Integrität der kindlichen Persönlichkeit fehlt: als gebe es, im Gegensatz zum unerwünschten Mißbrauch einen wünschenswerten Gebrauch von Kindern und ihren Talenten.

aus: Deutscher Kinderschutzbund (Hrsg.): Starke Eltern - Starke Kinder (Jahresheft 2004) 

 


Claudia Goldner 

Mein Kind kann Mandarin

Eine der fatalsten Folgeerscheinungen von Neoliberalismus und PISA-Studie ist der Wahn vieler Eltern, ihren Kindern mit ausgetüftelten Frühförderprogrammen einen "Vorsprung" vor allen anderen verschaffen zu müssen. Und zwar schon ab dem dritten Lebensjahr. In besonderen Kursen malen sie ägyptische Hieroglyphen und chinesische Schriftzeichen, in anderen lernen sie Grundbegriffe aus Astronomie, Biologie, Computertechnologie, Mathematik oder Betriebswirtschaft kennen. In wieder anderen werden sie mit abstrakten Begriffen wie Kommunikation, Symbolik oder Zeitstrahl vertraut gemacht, Begriffen, die sie kaum aussprechen können und noch weniger verstehen. Die Eltern aber glauben, was ihnen von selbsternannten Frühförderpädagogen und Neurodidaktikern eingeredet wird, dass nämlich die schwierigen Begriffe sich irgendwo in der Großhirnrinde des Kindes verankern würden, und ihm später ein entscheidender Vorteil daraus erwachse, schon so früh davon gehört zu haben. Sie sind überzeugt davon, dass die Jahre vor dem Schulbeginn die wichtigste Zeit in der Entwicklung des Kindes sei, in der die Synapsen des Gehirns sich vernetzen. Was in dieser Zeit versäumt werde, könne nie mehr aufgeholt werden. Private Frühfördereinrichtungen, in die finanziell bessergestellte Eltern ihren Nachwuchs parallel zum meist ebenfalls privaten Kindergarten schicken, haben Hochkonjunktur: "Enrichment Education for Tomorrow's Leaders!" Die Kosten für einen 24-Monatekurs bei einem Berliner Anbieter - zwei Stunden pro Woche - liegen bei 2880 Euro.

 

Knapp 25.000 Kinder besuchen derzeit eines der Helen-Doron-Zentren, in denen sogenanntes “Early English” bereits für drei Monate alte Babys angeboten wird. Die Zahl der Anmeldungen verdopple sich jährlich, so der Deutschlandkoordinator der US-Franchise-Unternehmens. Säuglingen werden in den Kursen englische Lieder vorgesungen, Kleinkindern werden Bildkärtchen mit englischen Begriffen gezeigt, die sie oft noch nicht einmal auf deutsch kennen. Die Kinder werden mit englischen Begriffen regelrecht überflutet, in der Annahme irgendetwas werden schon im Neokortex hängenbleiben und die Investition bezahlt machen.

 

Derlei Programme, wie Lern- und Gedächtnisforscher kritisieren, sind schlichtweg absurd: es gibt keinerlei Anhaltspunkt, dass Babies oder Kleinkinder irgendeinen Vorteil daraus bezögen, außerhalb ihres gewohnten Lebenszusammenhanges englischen - wahlweise auch russischen, chinesischen oder japanischen - Lauten ausgesetzt zu werden. Im Gegenteil: Kinder, denen von ehrgeizigen Eltern und Lerntrainern eingetrichtert wurde, dass sie anderen immer zumindest eine Nasenspitze voraus seien und sein müßten, können massive Probleme bekommen, wenn sie erkennen müssen, dass sie einfach nur durchschnittlich und normal sind. 

aus: Lehrerinnen- und Lehrerkalender 2008/09. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main


Leserinnenbrief von Claudia Goldner an die Süddeutsche Zeitung Freising zum anstehenden Jubiläumstreffen des König-Ludwig-Vereins Attaching (22.-24.7.2005), bei dem nicht weniger als 700 Böllerschützen angekündigt wurden:

Postpubertäre Männerrituale
 
Zum Bericht "700 Böllerschützen lassen es krachen" von J. Kirchberger in SZ Freising vom 15. Juli 2005
 
Mit dem Verweis auf Tradition läßt sich vieles rechtfertigen hierzulande, ganz so, als sei etwas sakrosankt und unhinterfragbar alleine deshalb, weil es "immer schon so gemacht" wurde; wobei oft gar nicht gefragt wird, wie lange denn dieses "immer schon so" eigentlich zurückreicht, geschweige denn, ob das, was vielleicht gestern noch irgendwelchen Sinn in sich trug, heute noch Sinn macht.
 
Es geht um das Böllerschießen, dem die einen als "Pflege althergebrachten Brauchtums" den Status identitätsstiftenden Kulthandelns zumessen, das andere aber als "akustische Umweltverschmutzung" oder schlicht als "Lärmterror" am liebsten verboten sähen.
 
Als Logopädin, die Tag für Tag mit Menschen zu tun hat, deren Sprache und/oder Gehör geschädigt ist, tendiere ich trotz aller Sympathie für weißblaue Folklore zu einem Verbot des Böllerschießens. Das Risiko schwerer Gesundheitsschädigungen durch das extrem laute Geknalle - Kanonenböller liegen bei über 150 Dezibel, gemessen in 8 m Entfernung - ist durch nichts zu rechtfertigen: Ohne Gehörschutz können schwere Knall- oder Explosionstraumata mit vorübergehendem, länger anhaltendem oder gar bleibendem Hörverlust auftreten, auch Tinnitus oder akute Schmerzzustände; es kann zu Verletzungen am Innen- und Mittelohr kommen, auch am Vestibularorgan (Trommelfellzerreißung, Kettenluxation, Fensterruptur etc. ).
 
Wer unbedingt meint, an Böllerschießveranstaltungen teilnehmen zu müssen, sollte auf ausreichenden Gehörschutz achten (zumindest Ohropax) und jedenfalls 50 Meter Abstand zu den Böllern halten. Kinder sollten überhaupt nicht mitgenommen werden; und unter gar keinen Umständen Hunde, die ein noch viel anfälligeres Gehör haben als Menschen.
 
Allein im Interesse der Wildtiere, die in akuten Schock versetzt werden, sollte auf längere Sicht die fragwürdige Militärtradition des Böllerschießens - auch an Fronleichnam, Totensonntag etc. - komplett eingestellt werden. Was sollte daran so erhaltenswert sein, extrem gesundheitsschädigenden und ökologisch unvertretbaren Krach zu veranstalten?
 
Bezeichnenderweise sind es fast ausschließlich Männer, die Freude an dem Geböllere empfinden. Ich sehe nicht ein, unter postpubertären Männerritualen leiden zu müssen, auch dann nicht, wenn sie kaschiert als urbayerische Tradition daherkommen. 
 
SZ Freising vom 21. Juli 2005, S.R 2 
 
[Der Leserbrief wirbelte enorm Staub auf: Claudia Goldner wurde in Zuschriften und eMails übel beschimpft, allerdings gab es auch Zustimmung.]
 
 

 

 

 

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 Karoshi zieht sich durch sämtliche Berufsschichten, Büroangestellte, Fließbandarbeiter und Lehrer sind allerdings besonders häufig betroffen.

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